Die kosmischen Zyklen entziehen sich jeder Änderung, doch ist ihr Einfluß auf die soziale Zeitorganisation unterschiedlich, der Monatszyklus ist fast ohne Bedeutung, der Jahreszyklus ist einerseits in einer immer weniger agrikulturell bestimmten Zivilisation von abnehmender, andererseits durch den Tourismus von zunehmender Wichtigkeit. Am stärksten gesichert, nicht zuletzt durch biologische, physiologische und psychologische Daten, ist der Tageszyklus, obwohl auch hier bereits gewisse Modifikationen in der zeitlichen Unterteilung durch neue Techniken (Elektrifizierung) realisiert oder realisierbar sind. Die Klimata sind von lokaler und regionaler Bedeutung und nur bis zu einem gewissen Grade durch neue Techniken (Klimatisation) modifizierbar. Am leichtesten änderbar scheinen die sozialen Übereinkünfte wie zeitliche Unterteilung der kosmischen Zyklen, Verteilung von Arbeits- und Freizeiten, Fixierung von Feiertagen etc.
Wenn von einer gewissen Größenordnung ab eine möglichst gleichmäßige räumliche Verteilung (Entropie) der Nutzung optimal ist, so liegt es nahe, vergleichbare Überlegungen über die zeitliche Verteilung von Aktivitäten anzustellen.
Die heutige zeitliche Sozialorganisation beruht zum Teil auf diesen nicht änderbaren Gegebenheiten, zum Teil auf dem Zwang zur simultanen Kooperation, Kohabitation und Freizeit, zum Teil auf tradierten, jedoch durchaus diskutierbaren und änderbaren Übereinkünften. Ohne Zweifel wurde eine Homogenisierung der Nutzungsfrequenzen für alle öffentlichen Einrichtungen auf wirtschaftliche Weise sowohl Belastungsspitzen (rush
Es wird sich in vielen Fallen die Frage stellen, ob Kapazitätserweiterungen statt durch kostenintensive Raumschaffung (Investitionen) durch Änderung der Zeitorganisation erreicht werden können (aktuelle Beispiele sind Universitäten, deren Einrichtungen zum Teil etwa fünf Monate im Jahr unterfrequentiert sind, Freibäder, die durch Klimatisation ganzjährig genutzt werden könnten).
Primärer Sektor
Die bisher in der Landwirtschaft durch die Jahreszeiten diktierte temporäre Überbeschäftigung (Bestellung, Ernte) und Unterbeschäftigung kann durch Zeitarbeit auf dem größeren urbanen Arbeitsmarkt homogenisiert werden. Die Industrialisierung der Landwirtschaft mit Intensivierung, Klimatisation, Multiplikation der Ernten ist ein homogenisierender Trend.
Der primäre Sektor ist also für die diskutierte Zeitorganisation von geringer Bedeutung, sei es, dass in der traditionellen Landwirtschaft wenig Verknüpfungen mit dem urbanen Lebensrhythmus gegeben sind, sei es, dass in einer zukünftigen Landwirtschaft ein sehr reduzierter Anteil an Agrarbevölkerung mit zunehmend industriellen Produktionsmethoden und urbaner Lebensweise dem sekundären Sektor integriert wird.
Sekundärer Sektor: Industrie Die Extrapolation des heutigen Trends zur Automation führt zu enormen Investitionen in hochproduktive Fertigungssysteme. Sie tendieren zu einer möglichst häufigen bis ständigen Nutzung.
Hochproduktive Fertigungssysteme reduzieren jedoch das Angebot an Arbeitsplätzen. Darum tendieren die Sozialvertrage zu einer ständigen Verkürzung der Arbeitszeiten. Die heutige, als Normalfall gegebene Anpassung der Produktionszeit und damit der Produktivität an die durch Sozialvertrag gesicherten tendenziell fallenden Arbeitszeiten hat vielfache Nachteile.
Weiter abnehmende Arbeitszeiten ermöglichen jedoch zunehmend die mehrfache Besetzung jeder Funktion (jedes Arbeitsplatzes) bei freier Vereinbarung der individuellen Schichtzeiten im Kooperativ und damit:
Die heutige Zeitorganisation maximiert die Freiheit der Gruppierung in der Freizeit (und ermöglicht den Gruppierungszwang in der patriarchalischen Kleinfamilie) durch die fast simultane kollektive Freizeit.
Dieser hohe Simultanfaktor entwertet jedoch die Freizeit aller durch die Überbelastung der Freizeiteinrichtungen. Die Minderung der Arbeitszeit und Liberalisierung der Zeitwahl verspricht ausreichende individuelle Gruppierungsmöglichkeiten trotz kollektiver Homogenisierung der Freizeitverteilung.
Tertiärer Sektor: Dienstleistungen Die weitgehende Übereinstimmung der Arbeitszeiten im sekundären und tertiären Sektor führt heute zu Spitzenbelastungen im Dienstleistungssektor während der kurzen Intervalle, wo sich diese Zeiten nicht überdecken (im Tageszyklus von 17 h
Daraus folgert für den Tageszyklus:
und für den Wochenzyklus:
Unter der Voraussetzung ausreichender Wahlmöglichkeiten für die Gruppierung in der Freizeit wird die Realisierung solcher Vorschlage erleichtert, wenn der Widerstand der Interessengruppen durch gerechte Verteilung des Nutzens aus zeitorganisatorischen Maßnahmen verringert wird.
Diese Vorteile sind
Wenn man in vager Anlehnung an heutiges Recht Eigentum als uneingeschränktes und dauerndes Verfügungsrecht auffasst, Besitz hingegen als temporäre Besetzung, Okkupation, Benutzung, so ist soziale Zeitorganisation im hier definierten Sinne ein durch ökonomische Argumente gestütztes Plädoyer gegen das Eigentum und für den Besitz. Es wird bei Investitionen im nicht öffentlichen Bereich von Fall zu Fall zu untersuchen sein, welche Einrichtungen durch Kollektivierung und damit Erhöhung der Nutzungsfrequenz verbilligt oder überhaupt erst ermöglicht werden und welche nicht vermehrbaren Guter durch Privateigentum einer angemessenen (öffentlichen) Nutzung entzogen werden. Offenbar zeigen jedoch Wohlstandsgesellschaften eine Tendenz zur Vergrößerung des Eigentums, das heißt, uneingeschränkte Verfügbarkeit wird als Wert verstanden, dessen Marge mit der Kaufkraft wachst. Eigentum ermöglicht die Verweigerung des Nutzungsrechts auch für nicht genutzte Bereiche oder Guter. Die wünschenswerte Identität von Eigentum und Besitz bedeutet', dass Individuen und Gruppen nur an jenen Gütern ein uneingeschränktes Verfügungsrecht im Sinne des Eigentums haben, die sie auch "besitzen" können. Eigentum ist eine Hortung von Nutzungsrechten und behindert dadurch homogene Nutzung.

Typisch für die Situation in der BRD ist die werktägliche Überlastung des (kundenorientierten) tertiären Sektors wegen nicht ausreichender
Phasenverschiebung zwischen sekundärem und tertiärem Sektor und gesetzlicher Zeitfixierung (Ladenschlussgesetz). Die Überbelastung von Handel, Konsument und Verkehr hat seine Entsprechung in der schnellen Verödung (Unterfrequenz) der (entmischten) Dienstleistungsquartiere.

Da der Tageszyklus eine Konstante ist, kann nicht die ' Dauer, sondern nur die Teilung geändert werden. Die Arbeitszeit pro Tag sollte (unter Berücksichtigung biologischer und psychologischer Grenzen einer optimalen Tageseinteilung) so groß wie möglich sein, also gegenüber dem Status quo eher vergrößert als verringert werden, um den Verkehrsaufwand pro Arbeitsstunde (Bewegung von Wohnung zum Arbeitsplatz) so gering wie möglich zu halten. Dieses Argument zielt auf Reduktion der Arbeitstage Jahr, nicht der Arbeitsstunden / Tag.
Die Homogenisierung von (täglicher) Nutzungsfrequenz ist möglich durch
Dieses Modell zeigt maximale Homogenisierung der Frequenzen, ist jedoch unrealistisch, da eine Erweiterung der Arbeitszeit im oberen Bereich (Nachtarbeit) psychologisch und physiologisch nur in Ausnahmefallen zumutbar ist. Bei stark reduzierten Arbeitszeiten und durch Lohnausgleich sind diese Nachteile eventuell zu kompensieren.
Die Phasenverschiebung ist denkbar nach Berufsgruppen (Sektoren) und/oder Institutionen (Firmen) und/oder Individuen. Sie erreicht eine starke Reduktion der maximalen Nutzungsfrequenzen für Kommunikation (Verkehr), Dienstleistungen, Freizeiteinrichtungen.
Von Wichtigkeit für die Funktionsfähigkeit ist ein ausreichender Wahlbereich für Freizeitgruppierung. Die Abschaffung synchroner Arbeitszeiten ist nur möglich, wenn (durch Reduktion der Jahresarbeitsstundensumme) ausreichende Freizeitsynchronisation möglich ist.
Je stärker die tägliche Arbeitszeit reduziert wird, um so eher sind Phasen (gleitende Arbeitszeiten) in der Tageshälfte möglich. Die Phasenverschiebung (Modell A) allein reduziert die Maximalfrequenz und damit die Spitzenbelastung (rush
Industrialisierung, Rationalisierung und Autornation tendieren zur Steigerung der Produktivität und Minderung der Arbeitszeit. Wenn der Trend zur Reduktion der Arbeitszeit (bei gleichbleibendem oder steigendem Realeinkommen) eine gewisse Marge erreicht, wird eine neue Zeitorganisation zur "gerechten" Verteilung der Arbeit und damit des Einkommens fast zwingend.
Diese Entwicklung ist von großer Bedeutung in der Stadtplanung. "Zeitplanung" als öffentliche Institution wird eine ähnliche Bedeutung haben wie die traditionelle "Raumplanung". Ihr Ziel ist die Vermeidung überdimensionaler oder überflüssiger (weil unterfrequentierter). Investitionen und die Vermeidung temporärer Verödung. Wochenlange und Wochenteilung sind soziale Übereinkunft. Mögliche und rationelle Änderungen werden bestimmt durch die Produktivität je Arbeiter und Zeiteinheit (Pro-Kopf
Wochenlänge und Wochenteilung sind nicht länger kollektiv verbindlich, sondern von Sektor zu Sektor, Firma zu Firma, Individuum zu Individuum wählbar unter Berücksichtigung brancheneigener Bedingungen, von Rahmenvertragen zwischen den Sozialpartnern, durch Referendum akzeptierter Richtlinien, der Bestimmungen des "Zeitplanungsamtes" und Abmachungen im Kooperativ.
Die Zwangswoche kann daher liquidiert werden. Sie wird ersetzt durch innerhalb eines kollektiv akzeptierten Rahmens frei wählbare Arbeitszeit. Diese Wahlfreiheit erlaubt z.B. (bei einem Arbeitstagequotienten von 1,0) theoretisch die individuelle Entscheidung, entweder nur jeden zweiten Tag oder nur jedes zweite Jahr zu arbeiten. Diese Wahlfreiheit ist deswegen so wichtig, weil sie eine ausreichende Freizeitgruppierung ermöglicht. Diese neue Zeitorganisation humanisiert die Situation des zeitabhängigen Arbeiters, sein Leben erhalt eine neue Qualität. Freizeit ist Freiheit.

Die Jahresarbeitsstundensumme ist heute kleiner als 2000, unter der spekulativen Annahme, dass sie bis 1980 auf etwa 1500 h, bis im Jahr 2000 auf etwa 1000 h sinkt, ergeben sich als willkürliches Beispiel nebenstehende Möglichkeiten der individuellen oder gruppenorientierten Zeitorganisation.
Ein Beispiel heterogener jährlicher Zeitorganisation sind die Universitäten. Eine Homogenisierung der Nutzungsfrequenzen bewirkt hier für die öffentliche Hand: bessere Ausnutzung vorhandener Kapazitäten und damit Verminderung und Verzögerung der notwendigen Investitionen (Studieneinrichtungen und Studentenwohnungen) im Wettlauf mit dem schnell wachsenden Bedarf 0 für die Studenten: größere zeitliche Wahlfreiheit, Reduktion der Wohnungsmieten Zeitorganisation ist ein Beitrag zum Politikum des Numerus clausus.
In Analogie zur Raumorganisation eines Stadtsystems mit beliebig okkupierbaren und unterteilbaren Raumeinheiten (Raumparzellen) kann man den Tag als Grundeinheit der Zeitorganisation (Zeitparzelle) sehen, deren Okkupation (occupation = Beruf, Beschäftigung) und Unterteilung im Rahmen gewisser kollektiver Spielregeln individuell zu wählen ist. Fixierungen der Zeitnutzung wie Feiertage usw. werden (ebenso wie Fixierungen der Raumnutzung) so weit wie möglich vermieden. Die anderen Zeitzyklen (Woche, Monat, Jahr) sind kollektiv fast irrelevant.
