GEAM

PROGRAMM FÜR EIN MOBILES BAUEN

A. Die katastrophalen Schwierigkeiten des modernen Städtebaues werden durch eine Reihe von Umständen ausgelöst, die wie folgt gekennzeichnet werden:

  1. Die vorhandenen und die heute noch verwendeten Konstruktionen sind zu starr und lassen sich an das Leben schwer anpassen.
  2. Das Wachstum der Bevölkerung ist nicht voraussehbar und einplanbar.
  3. Der Verkehr wächst ins Masslose.
  4. Die Eigentumsrechte sind veraltet und die Eigentumsverhältnisse teilweise eingefroren.
  5. Die Preise für Wohneinheiten sind zu hoch.
  6. Eine ständig grösser werdende Diskrepanz zwischen Stadt und Stadtplanung einerseits und dem rapiden Fortschritt von Wissenschaft und Technik andererseits.


B. Auf Grund dieser Umstände leidet das tägliche Leben der Bevölkerung. Das wird an folgenden Erscheinungen erkennbar:

  1. Der Verkehr ist verstopft und kommt zu bestimmten Tageszeiten fast zum Erliegen.
  2. Die Wohnungen sind teilweise zu steinernen Gefängnissen für die Familien geworden.
  3. Die Wochenendflucht ins Freie nimmt immer grössere Ausmaße an.
  4. Der Lebensrhythmus ist aufgezwungen, und es ist so gut wie unmöglich, seine Umwelt persönlich zu formen.
  5. Eine grosse Anzahl von Stadtbewohnern fühlt sich einsam und isoliert.
  6. Die Nachbarschaften sind völlig zufällig zustande gekommen und bleiben schwer, beeinflussbar,


C. Zur allgemeinen Verbesserung dieser Zustände werden von GEAM Leitsätze aufgestellt und folgende Vorschläge gemacht:

  1. Eine Reform der Eigentumsrechte des Baugrundes und des Luftraumes mit dem Ziel eine leichtere Austauschbarkeit zu erreichen. Einführung der geschich-teten Luftraumbenutzung durch die Bewohner
  2. Die Konstruktionen sollen variabel und austauschbar sein.
  3. Die mit diesen Konstruktionen hergestellten Raumeinheiten sollen ebenfalls veränderlich und in ihrer Verwendung austauschbar werden.
  4. Den Bewohnern muss die Möglichkeit gegeben werden, sich ihre Wohnungen persönlich den jeweiligen Lebensbedürfnissen anpassen zu können.
  5. Die Industrie und die Vorfabrikation muss zur Herstellung der Konstruktionen als Mittel der Preisverminderung voll eingesetzt werden.
  6. Stadt und Stadtplanung müssen an die Entwicklungen des Verkehrs anpassungs-fähig sein.
  7. Die einzelnen Stadtteile müssen sowohl mit Wohnungen und Arbeitsplätzen als auch mit Stätten der körperlichen und geistigen Bildung durchmischt werden.


D. Zur Verwirklichung der ausgeführten Prinzipien schlägt GEAM vor, folgende Techniken zu erarbeiten:

  1. Entwicklung von variablen und austauschbaren Konstruktionselementen, wie zum Beispiel:
    a) Aussenwände,
    b) Innenwände,
    c) bewegliche Fußböden und Decken
  2. Entwicklung von leicht veränderlichen Möglichkeiten der Versorgung mit Energie, Wasser, der Beseitigung von Abfällen.
  3. Entwicklung von grösseren stadtbildenden Raumeinheiten, wie:
    a) austauschbaren Behältern (fahrend, fliegend, schwimmend),
    b) Floßbauten,
    c) überbrückenden Bauten,
    d) klimatisierten Freiräumen.


Eine optimale Durchmischung im Städtebau wird durch die Mobilität der Anordnungen möglich. Die Reintegration der auseinandergefallenen Funktionen wird dadurch wieder-gewonnen. Durch eine Multifunktionalität des Stadtorganismus werden Kommunikations-probleme entspannt.
Durch dies Prinzip überlebt sich das Problem der statischen Form.
Geplant werden sollen Strukturen und Anwendungsregeln.



Paris, den 5. April 1960

David George Emmerich, Camille Frieden, Yona Friedman, Günter Günschel, Jean Pierre Pecquet, Werner Ruhnau